Von Cousinen, Maidlins und dem frumm Schwesterlyn
von Bernd Crössmann
Als der Abiturient Joseph Scheffel im Spätsommer 1843 das Karlsruher Elternhaus verließ, um sein Studium an der Münchner Universität zu beginnen, war er 17 Jahre alt. Vor ihm lagen unbekannte Welten, die bayerische Kunstmetropole, das Studentenleben, neue Freundschaften. Der eigentliche Grund seines Auszugs, die Aufnahme des Jurastudiums, reizte ihn am wenigsten. Die Eltern entließen den Sohn aus ihrer Obhut nicht ohne die Empfehlung, den Kontakt zu einer Reihe befreundeter Familien zu suchen, die sich in München niedergelassen hatten. Joseph tat, wie ihm befohlen, wurde bei den Bekannten seiner Eltern freundlich aufgenommen und berichtete über deren Befinden in langen Briefen nach Hause. Es war ein gleitender Loslösung von der elterlichen Überwachung.
Es dauerte nicht lange und der Student traute sich, von der ungewohnten Freiheit vorsichtigen Gebrauch zu machen. So besuchte er fast so viele Vorlesungen in Philosophie und Kunstgeschichte wie Kurse in seinem eigentlichen Fach. Die Tanzstunden im Salon einer alten adligen Dame, die er auf Drängen von zu Hause absolvierte, müssen qualvoll gewesen sein. Aber das weibliche Geschlecht, wenn auch nicht als Tanzpartnerin, ließ ihn nicht teilnahmslos.
Unter den mit Josephs Eltern befreundeten Familien waren der angesehene Archivrat Nathanael Schlichtegroll und seine Ehefrau Angelika. Der zwei Jahre zuvor vom bayerischen König geadelte Wissenschaftler stand im 50. Lebensjahr und führte gemeinsam mit seiner Frau ein gastfreies Haus. Als junger Mann hatte er wie Scheffels Vater in den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Truppen gekämpft und während des anschließenden Jurastudiums war er ein begeisterter Burschenschafter. Er hatte mehr als zwanzig Jahre als Jurist im bayerischen Staatsdienst gearbeitet. Vor kurzem war er als Fachmann für Diplomatik ins staatlichen Archivwesen gewechselt. Dieser Werdegang entsprach soziologisch genau dem militärisch-bürgerlich-akademischen Milieu, in dem Joseph aufgewachsen war, nur strahlte er – aufgrund der Bedeutung der bayerischen Metropole – um einiges glanzvoller.
Die Familie Schlichtegroll hatte drei Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen. Die jüngere der beiden Töchter war im November 1843 gerade dreizehn Jahre alt geworden. Es war die Zeit, als Joseph das Haus zum ersten Mal betrat. Seinen Eltern berichtet er in verschiedenen Briefen, wie überaus freundlich er dort empfangen wurde. Auch von einer längeren Krankheit der Mutter und der älteren Tochter ist die Rede. Weiter nichts. Erst als er sich im Sommer 1844 in Karlsruhe auf den Fortgang des Studiums in Heidelberg vorbereitet, erfahren wir Folgendes aus einem Brief an seinen Münchner Studienfreund Friedrich Eggers:
Karlsruhe, den 11., 12., 13. October 44.
[…] Und nun, mein lieber, lieber Friedrich! nun bin ich in Karlsruhe – […] Die Freuden des Wiedersehens und das gemütliche Leben im Elternhause vermögen kaum den Eindruck der Trübseligkeit zu verbannen, die ich hier fühle. Es ist doch ein großer Kontrast, — das hiesige, kalte, trockene Leben, und unser frisch lebendiges Zusammensein in einer anregenden, an sich großartigen Stadt wie München. —
Doch zum Glück gibt’s 2 gute Praeservative gegen die Trübsal — das Studieren und die Erinnerung und beide haben in meiner grünen Stube Quartier gefunden. Ich habe mich verschanzt hinter das Corpus juris und hole nach, und bessre die Lücken aus an dem, was ich im vorigen Winter nicht gearbeitet habe und begreife allmählich, wie man die Jurisprudenz nicht en passant lernt, sondern wie „ferreum caput, plumbeae nates“ dazu gehören. Und wenn mir’s dann zu öd und langweilig wird, so setze ich mich hin an mein Fenster, stopfe mir eine Pfeife und schaue hinaus in die Herbstnatur […] und wenn dann die Wölklein aufsteigen aus meiner Pfeife, dann wird mir’s heimisch, und mit dem Dampf und Rauch beschwöre ich die Gestalten der Vorzeit – d. h. des letzten Jahres – und lasse sie vorüberziehen in bunten Reihen. Dann schaue ich wieder die Ludwigstraße und all die bekannten Plätze; ich gehe wieder hinein in den 3. Eingang des Damenstifts und vergesse, daß ich in Carlsruhe bin.
Und hie und da schaut aus den Rauchwolken ein Engelsköpflein, das sieht accurat aus wie Julie Schlichtegroll […]
Seine Heimatstadt Karlsruhe gefiel ihm nicht, weil er glaubte, alle Welt hätte am Sohn des Majors Scheffel, der Maler werden wollte, etwas auszusetzen. Das Nachlernen des juristischen Stoffes war bitter nötig, weil Joseph in den ersten beiden Semestern zu viel mit den schönen Künsten beschäftigt war. Friedrich Eggers, sein um sieben Jahre älterer Mitbewohner in München und Adressat des Briefes, hatte ihm deswegen Vorwürfe gemacht. Denn er war, wie man heute sagen würde, auf dem zweiten Bildungsweg zum Studium gekommen, hatte sein Abitur nachgeholt, arbeitete nebenher, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, und studierte mit eiserner Disziplin.
Diesem Eggers nun vertraute er im Nachhinein an, dass ihn die Erinnerung an ein dreizehnjähriges Mädchen nicht mehr losließ. […]
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