Einführung in die Ausstellung zu Scheffels 200. Geburtstag in Schloss Schönau
Bad Säckingen, 01.04.2026
Sehr geehrte Gäste, liebe Schlossherrin,
Feierlichkeiten für Scheffel gab es in Säckingen schon einige, namentlich 1876 zum 50. Geburtstag und dann, zu Ehren des Verstorbenen, 1901 zum 75. und 1976 zum 150. Geburtstag. Von jedem der genannten Ereignisse zeugt eine Bronzeplastik im Schlosspark: der von den Ballys erworbene kleine Trompeter des Künstlers Heinrich Ruf, die im Zweiten Weltkrieg um ihren Trompeter amputierte Scheffelbüste von Joseph Menges und die verträumte Brunnenfigur von Joseph Henselmann. Vor kurzem gesellte sich das fragile Gipsmodell eines berittenen Trompeters von Hugo Knittel hinzu. Ihm zu Füßen ein Kater und viele Kater in der Stadt.
Seit 2016, also seit nunmehr zehn Jahren, gibt es die „ScheffelRäume“ hier im Schloss. Die Dauerausstellung, vom verstorbenen Leiter des Museums für Literatur am Oberrhein Professor Schmidt-Bergmann konzipiert, bietet einen multimedialen Einblick in Scheffels Leben. Sie streift seine Säckinger Zeit und widmet sich dem Trompeterbuch und seinem Erfolg.
Wozu dann eine weitere Ausstellung zum 200. Geburtstag? Die Antwort ist in der Konzeption der Dauerausstellung angelegt. Der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe war es wichtig, dem Betrachter, und das heißt in erster Linie dem Touristen, eine Basisinformation zu Scheffel und dem Versepos des Trompeters zu geben. Schon vor zehn Jahren waren die Stimmen unüberhörbar, die mehr Lokalbezug forderten. Auch die Scheffel-Freunde wünschten, dass berücksichtigt würde, was Scheffel zum Hotzenwald und zu den Hauensteinern geschrieben hatte.
Heute sind wir soweit. Die Ausstellung zum 200. Geburtstag widmet zwei der drei Säle dem jungen Scheffel in seiner Säckinger Zeit. Sie zeigt das Bild des Rechtspraktikanten, eines Juristen in Ausbildung, der zwar in München, Berlin und Heidelberg studiert hatte, aber im Leben außerhalb des Familienkreises völlig unerfahren war. Der Befund verwundert ein wenig. Aber das Studentenleben war noch kein Abschied von zu Hause. Die akademischen Verbindungen der Universitäten boten Geborgenheit und ersetzten das Elternhaus. Scheffel genoss diesen vorberuflichen Schwebezustand als Burschenschafter, und er genoss es, jederzeit bei den Eltern in Karlsruhe vorbeischauen zu können.
Dann kam mit dem Staatsexamen und der Promotion zum „Dr. jur.“ der endgültige Abschied von der Jugend. Mit der gleichzeitig ausbrechenden Badischen Revolution stellte sich politische Ernüchterung ein. Und es erhob sich wieder die Frage, ob er sich von einem tiefempfundenen Lebenswunsch verabschieden müsse. Joseph Scheffel wollte frei schaffender Landschaftsmaler werden und nicht Richter im badischen Justizdienst. Dass er einst Dichter werden würde, lag jenseits seiner Vorstellungskraft.
Dieser unreife junge Mann schrieb eine Menge Briefe aus dem fernen Säckingen, weil er von den Eltern dazu angehalten wurde und weil er Heimweh oder Geldsorgen hatte. Seine Nachrichten sind uns erhalten geblieben. Einige wenige sind unter dem Titel „Säckinger Episteln“ bald nach seinem Tod veröffentlicht worden. Schlagen Sie in der Wikipedia nach. Dort sind genauere Informationen zusammengetragen.
Unsere Ausstellung berücksichtigt alle Säckinger Briefe, die poetischen und die alltäglichen. Nicht für jeden Künstler gibt es so wertvolle Quellen aus der Anfangszeit seiner Entwicklung. Sie sind jedermann zugänglich. Aber es reicht nicht, sie zu überfliegen. Man muss sich in die Situationen hineinversetzen, aus denen heraus sie geschrieben wurden. Vor allem aber müssen wir ausblenden, was wir über den Dichter und seinen späteren Ruhm wissen. 1850 war Joseph ein gut ausgebildeter großbürgerlicher Jüngling mit unrealistischen Lebensvorstellungen.
Unsere Ausstellung nimmt zwei zentrale Ärgernisse, mit denen sich Joseph herumschlug, in den Blick. Da ist zum einen die Berufswahl, die ihm der Vater aufgezwungen hatte. Der Job im Säckinger Amtshaus, dem alten Stiftsgebäude, das war nach seinem Urteil ein geisttötender Achtstundentag, wenig Prestige, kaum Urlaub, geringe Bezahlung. Wenn das Geld nicht reichte, hatte er keine Skrupel, Schulden zu machen, auch Spielschulden, und die Eltern um Zuschüsse anzugehen. Den etwas großspurigen Lebenswandel einzuschränken – schicke Wohnung, Ausflüge, Wirtshausbesuche – kam ihm nicht in den Sinn. Schließlich war er es nicht, der diesen elenden Beruf gewählt hatte.
Als die Mutter seine Klagen allzu ernst nahm und ihm vorschlug, das Familienvermögen zum Kauf des heruntergekommenen Schlosses Bürglen im Markgräflerland zu verwenden, schreckte er zurück. Zum Landwirt hatte ihn sein Vater nicht ausbilden lassen. Einen Verwalter einzusetzen, hätte die Einkünfte gegen Null schrumpfen lassen. Nein danke, Joseph wollte malen und nicht arbeiten, weder in der Amtsstube noch im Stall. Erst zwei Jahre später wird er in der deutschen Künstlerkolonie nahe Rom darauf aufmerksam gemacht, dass ihm das Talent zum Landschaftsmaler fehlte.
Das zweite Ärgernis war die politische Entwicklung, die die Länder des Deutschen Bundes genommen hatten. Wie auf dem beruflichen Feld – Jurist nein, Landwirt nein, zum Maler ungeeignet – saß er politisch betrachtet „zwischen allen Stühlen“. Die sozialistischen Revolutionäre um Hecker und Struve verachtete er, die preußischen Besatzer im Großherzogtum Baden, und damit auch in Säckingen, waren ihm verhasst. Der liberale Professor Carl Theodor Welcker, den er für kurze Zeit auf der großen politischen Bühne in Frankfurt begleiten durfte, hatte allen Einfluss verloren.
Joseph reagierte, indem er die Hauensteiner Bauern, „seine“, wie er sie nannte, zu einem naturnahen, widerborstigen und listigen Volk stilisierte, das fernab der herrschenden politischen Tristesse in der Vergangenheit eines freien Bauerntums lebte. Ihre Wandkritzeleien im Amtshaus hat er uns überliefert. Vor lauter Begeisterung ließ er sich, obwohl finanziell immer klamm, in Rickenbach eine komplette Tracht zum Eigengebrauch schneidern.
Seine Verachtung für die feigen Revolutionäre und deren kämpferische Ehefrauen goss er in eine Folge von Spottversen in Abwandlung des „Guckkastenlieds vom großen Hecker“. Die Münchner „Fliegenden Blätter“ versahen die Texte mit Holzschnitten, die wir heute Comics nennen würden. Wir haben einige herausgepickt. Die Erlebnisse des „Bruders Straubinger“ erschienen während seines Säckinger Aufenthalts, natürlich ohne Namensnennung. Scheffel bat seine Eltern um ein Belegexemplar. In Säckingen gab es ein so ketzerisches Blatt nicht zu kaufen.
Eine kleine literarische Anekdote, gewissermaßen ein Vorgeschmack auf den Dichter Scheffel, ist die Tabakspäckchen-Affäre. Da hatte doch ein sparsamer schwäbischer Zwischenhändler in Ulm einen Schwung Packpapier nicht fortwerfen wollen, nur weil das Bild des in Ungnade gefallenen Revolutionärs Hecker darauf prangte. Also bedruckte er die Rückseite der Papierbogen neu und verbannte den grimmigen Vollbartträger ins Innere des Päckchens. Ein in Säckingen stationierter preußischer Soldat entdeckte das Porträt, und schon hatte der Rechtspraktikant einen komplizierten Fall zu bearbeiten.
Nehmen Sie sich Zeit und tauchen Sie ein das damalige Säckingen. Die Scheffel-Freunde hoffen, dass Ihnen der junge, beruflich und politisch desorientierte, von Heimweh und Geldsorgen geplagte Joseph des Jahres 1850 ein wenig näher rückt. Er war ein Mensch und keine Lichtgestalt. Wie er sich später zum Dichter wandelte, können Sie jederzeit in der Dauerausstellung im Erdgeschoss studieren.
Bernd Crössmann
Scheffel-Freunde Bad Säckingen e. V.
