Joseph Victor von Scheffels runder Geburtstag fällt auf den Fasnet Mändig. Das närrische Datum sollte uns daran erinnern, „dass bei den Rosen gleich die Dornen steh’n“ und dass einer, der zu Lebzeiten gefeiert wurde, sich im Innersten unverstanden fühlte.
Zum Happy End verdammt
Im Jahr 2003 erschienen die Beiträge eines wissenschaftlichen Kolloquiums zu Joseph Victor von Scheffel mit dem Untertitel „Ein deutscher Poet – gefeiert und geschmäht“. Seither sind zwei Jahrzehnte vergangen. Gefühlswallungen löst der Name des Autors 2026, im Jahr seines 200. Geburtstags, nicht mehr aus. Es gibt keinen Verehrerkreis und niemand erregt sich über ihn. Zum Lektürekanon der Schulen gehören seine Werke schon lange nicht mehr. Seine Bücher sind preisgünstiger in Antiquariaten zu haben als im Buchladen. Es ist ein Schicksal, das er mit ehemals hochgeehrten und viel gelesenen Zeitgenossen teilt, zum Beispiel seinem Dichterfreund und Nobelpreisträger Paul Heyse.
Vorbei die Zeit, da sein frühester Biograf, der Redakteur und Übersetzer Alfred Ruhemann, jubelte: „Ja, urechtes deutsches Wesen — das ist der Kern sämtlicher Dichtungen Scheffels! […] So wie Scheffel hat bisher noch kein anderer Schriftsteller mitten im Deutschtume gestanden“. Das nebulöse Prädikat des Urdeutschen und Kernigen haftete dem so Gefeierten bis in die Hitlerzeit an. Ein Rezensent des nationalsozialistischen Kampfblatts Nordbadens „Das Hakenkreuzbanner“ nennt seine Werke „kerndeutsch, sie wissen um deutsche Treue und deutsche Kraft“.
Vorbei wohl auch das harsche Urteil der westdeutschen Literaturwissenschaft in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg. Fritz Martini nimmt die vormalige hunderttausendfache Käuferschaft in Mithaftung für den in seinen seinen Augen schuldhaft unpolitischen Bestseller-Autor des Kaiserreichs. Scheffel, so sein Resümee, „repräsentierte den Tiefstand der literarischen Bedürfnisse des akademischen Bildungsbürgertums“. Sein „beschämend erfolgreicher Trompeter von Säckingen“ zeichnet sich nach dem Urteil von Martinis akademischem Kollegen Friedrich Sengle durch „nihilistische Leichtigkeit“ aus.
Wenn es um Scheffel still geworden ist und er nicht mehr im ideologischen Rampenlicht steht, ist das kein Schade. Im Gegenteil, man könnte sich ihm nähern, ganz ohne die Absicht, ihn zu beweihräuchern oder zu verdammen. Aber die Motivation fehlt. Wissen wir nicht schon alles über ihn und sein Werk? Kennen wir nicht die Quellen, die Erzählung vom bürgerlichen Werner Kirchhofer und der adligen Ursula von Schönau, die Sankt Galler Klosterchronik des Mönchs Ekkehard? Haben wir nicht zur Kenntnis genommen, dass seine Cousine Emma Heim doch nicht das Vorbild der Margareta war? Sind wir uns nicht bewusst, dass seine Akteure aus fernen Zeiten denken und fühlen wie seine Landsleute Mitte des 19. Jahrhunderts und er das so wollte? Ist es uns neu, dass seine Schaffenskraft nach zehn Jahren zum Erliegen kam und ihn der späte Ruhm nicht befriedigte und nicht vor Schwermut und Siechtum bewahrte?
Der vor zwei Jahren verstorbene Günther Mahal, früherer Leiter des Faust-Museums in Knittlingen, hat sich 1986 zu Scheffels hundertstem Todestag mit dem „Versuch einer Revision“ zu Wort gemeldet und noch Jahre später sein Credo über die drei Hauptwerke Trompeter, Ekkehard und die Gedichtsammlung Gaudeamus wiederholt: „interpretationsbedürftig sind sie nicht.“ Den späten, aber umso beeindruckenderen Erfolg seiner Bücher sah er in der Geschichtsversessenheit der Wilhelminischen Gesellschaft begründet, mehr noch aber in dem, was er das „Prinzip der Erstverständlichkeit“ nannte. Mahal war überzeugt: „Mehrmalige Lektüre, das Nachschlagen schwieriger Wörter, das mühsame Erklären von Begriffen und Sachen — all das ist unnötig.“ Jeder Deutschlehrer, der es unternimmt, seinen Schülern auch nur eine Episode aus dem Trompeter vorzulegen, wird an dieser Aussage (ver)zweifeln.
Der Einwand, dass es vor 150 Jahren anders war, ist berechtigt, aber nur zu Teilen. Zwei Jahre vor dem Trompeter hatte der heute nahezu vergessene Dichter Otto Roquette (1824–1896) ein Versepos veröffentlicht, das unmittelbar nach seinem Erscheinen zu einem Verkaufsschlager wurde, und zwar über lange Jahre. Waldmeisters Brautfahrt — ein Rhein-, Wein- und Wandermärchen, so der Titel, enthält ein Lied mit dem Refrain „Noch ist die blühende, goldene Zeit / Noch sind die Tage der Rosen!“. Der Hymne an die Unbeschwertheit der Jugend folgte noch vor Erscheinen des Trompeters ein Liederbuch von ihm mit Titeln wie „Zu deinen Füßen will ich ruhn“ oder „Das ist doch schön eingericht‘ “. Der noch unbekannte Joseph Scheffel verweigerte sich ein Jahr darauf in seinem später berühmt gewordenen „Behüet dich Gott / Es wär‘ zu schön gewesen“ dem jugendlichen Frohsinn seines lyrischen-Konkurrenten und dichtete: „Das ist im Leben hässlich eingerichtet, / Dass bei den Rosen gleich die Dornen stehn“, um dann zu bedauern, „In deinen Armen wollt‘ ich ganz genesen / […] es hat nicht sollen sein.“
Die frühen Leser waren irritiert vom Pessimismus des jungen Scheffel und seines Erzählers, der sich so alt und müde gebärdet. Sie zogen Otto Roquettes gedankenverlorene Lebensfreude vor. Die vom Papst arrangierte Standeserhöhung des Trompeters Werner und die in Aussicht gestellte Hochzeit im Freiherrenschloss waren ihnen nicht geheuer. Erst als Ende der 1860er Jahre die Trink- und Nonsens-Lieder des Gaudeamus Scheffels Namen bekannt machten, begann Mahals „Prinzip der Erstverständlichkeit“ bei der Lektüre seiner Texte zu greifen. Man erhoffte sich, von dem Versepos erheitert zu werden wie von den Liedern vom Rodenstein und nahm den vom Autor vorbereiteten Weg des oberflächlichen Verstehens an. Es ist der Weg des Ausblendens vom allem, was unverständlich oder unerwünscht erscheint. Scheffels böser Waldgeist Meysenhartus nennt ihn beim Namen: „Überall, so weit die Welt reicht, / Gibt’s Holzwege und gibt Menschen, / Die auf diesen Pfaden wandeln – “.
Bis heute findet sich kaum ein Leser, der nicht gerne auf Scheffels Trompeter-Holzweg wandelte. Es gilt die Parole Augen zu und Happy End. Der Besuch beim versteinerten stillen Mann in der Tropfsteinhöhle und dessen deprimierende Lieder? Hätte der Autor weglassen können. Margaretas fast ärgerliche Klage, als sie den Kapellmeister Kirchhof im Petersdom entdeckt: „Alter Traum, und was verfolgst du / Mich bis zu geweihter Stätte?“ Redet sie so daher. Und der Tränenstrom der alten Äbtissin am Ende der Verlobungsszene in den vatikanischen Gärten, während das junge Paar wie versteinert schweigt? Hat keine Bedeutung.
Doch das dicke Ende steht noch aus. Denn was den Leser umtreibt, der Triumph der Liebe über den Standesdünkel des Freiherrn, ist gar nicht Teil des Geschehens. Es ist das Hirngespinst des Säckinger Kutschers beim Leeren der sechsten Flasche Orvieto. So stellt er sich die Rückkehr mit seinen sprachlosen Passagieren vor. Benebelt hockt er im römischen Weinhaus und dichtet das holprige Lied: „Liebe und Trompetenblasen / Nützen zu viel guten Dingen“. Und wir glauben ihm aufs Wort. Theo In der Smitten, ein neugieriger Opernsänger, der neben dem kitschigen Libretto der Neßler-Oper das Original las, nannte das Finale 1992 treffend eine „mehrfache Ironisierung“.
Beim Ekkehard-Roman von einem Happy End zu sprechen, wäre unpassend. Aber die glückliche Fertigstellung des Waltharilieds durch den Mönch und sein Auszug von der Ebenalp am Säntis in die weite Welt gilt als gelungene Sublimationsleistung. Er hat den Schmerz überwunden, dass die launige Herzogin Hadwig ihn auf dem Hohentwiel nicht länger duldet. Schade nur, dass auf den letzten Seiten die Identität des Ekkehard in Frage gestellt wird — es gab mehrere Kleriker dieses Namens — und dass die Sympathie des Erzählers zu dessen Busenfreund, dem Meister Konrad in Passau, wandert. Der schreibt verbissen am Nibelungenlied und ist in eine hoffnungslose Liebe verstrickt. Kein beruhigender Schluss, aber niemand stört sich daran. Scheffels weiteren Prosatexten ist gänzlich nichts Tröstliches abzugewinnen. Das Lesepublikum war enttäuscht. In der düsteren Novelle Hugideo rettet einzig der Salmenfischer vom Isteiner Klotz sein Leben. Der Ritterknappe, der der Erzählung Juniperus den Namen gibt, gerät am Allmendshofer Donauquell mit seinem besten Freund in Streit und verliert ihn in den Fluten des Rheinfalls von Schaffhausen. Die Frauen, an die Scheffels Helden ihr Herz verlieren, bleiben — mit der zweifelhaften Ausnahme der Margareta — unerreichbar.
Der junge Scheffel schrieb für sich, aus innerem Drang. Wenn er das Werk abgeschlossen hatte und beschäftigungslos im Elternhaus saß, wurde er krank. Entzündete Augen, Kopfschmerz, Verdauungsstörungen, Monatelanges Leiden. Das Urteil der Leser ängstigte ihn. Er wollte nicht missverstanden werden, aber verstanden werden wollte er noch weniger, weil er sich selbst nicht verstand. Er spürte, dass er Intimes preisgegeben hatte, aber es erleichterte ihn nicht. Später raubte ihm diese Qual die Kreativität. Fast kommt der Verdacht auf, dass die Ansiedlung seiner Helden in der Vorzeit vom vierten bis zum 17. Jahrhundert vorrangig der eigenen Person als Versteck diente.
„Es ist das Erleben der Revolution von 1848, das zu der […] Voraussetzung für das literarische Werk Scheffels werden sollte.“ schreibt Hansgeorg Schmidt-Bergmann, der jüngst verstorbene Leiter der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe. Es wäre an der Zeit, darüber nachzudenken, ob es dieser Enttäuschung überhaupt bedurfte angesichts der psychischen Pein des jungen Juristen, die mit dem Verlassen des Elternhauses ins Unermessliche wuchs. Sein Unglück war mit dem Erwachsenwerden verknüpft. Zwei neu geschaffene Bronzestatuen, die eine in Singen (2014) mit Blick auf den Hohentwiel, die andere in Bad Staffelstein (2020) mit Blick auf Kloster Banz, rücken von der Vorstellung des Dichterfürsten Scheffel ab. Die Gesichtszüge, die ihm die Bildhauer Gero Hellmuth und Andreas Krämmer gaben, werden übereinstimmend als „versonnen“ beschrieben. Ja, er hatte mit sich zu tun, wollte sich auf die Schliche kommen, im Ekkehard, im Frankenlied, in allem, was er schrieb. Er kam über eine frühe Kränkung nicht hinweg, eine Wunde, die, wie sich herausstellte, mit Dichtkunst nicht heilbar war.

Mit seiner Scheu, sich zu offenbaren, und mit seinen falschen Fährten hat es zu tun, wenn sein Erstlingswerk so unwiderstehlich dazu verführt, als Liebesgeschichte mit Happy End gelesen zu werden. Die Attraktivität eines Trompete blasenden Landsknechts ist heute kaum mehr vermittelbar. Aber gottlob gibt es den Kater. Er heißt Hiddigeigei und ist ausweislich seiner Lieder ein hochfahrender Geselle, sein Intellekt verletzend, sein Selbstmitleid penetrant. „Aber einst, in fernen Tagen“ dichtete das Tier vorausschauend, „Wenn ich längst hinabgesargt bin, / Zieht ein nächtlich Katerklagen / Zürnend über euren Markt hin.“ Es ist anders gekommen. Am Säckinger Markt steht eine Fotowand mit Guckloch, ein Selfie-Spot. Anstelle der antiquierten Trompeterfigur mit wehendem Mantel setzt das Tourismusamt auf einen schlanken schwarzen Schmusekater mit grünen Augen. Wohlfühlen um jeden Preis. Ausblenden, was stört. Scheffels doppelbödige Sprachkunst ist wirksam wie eh‘.
Bernd Crössmann, 01.12.2025
